Auswandern damals und heute. Die Klasse 8b auf Spurensuche im Landesarchiv Ludwigsburg.
Krieg, Armut, Hunger und politische oder religiöse Verfolgung zwingen die Menschen seit Jahrtausenden dazu, ihre Heimat zu verlassen und in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen.

Dass dieser Neustart bis heute gleichermaßen mit Hoffnungen und Ängsten verbunden ist, erleben wir gerade durch unsere neuen Klassenkamerad*innen, die neuen Nachbarn oder vielleicht sogar in unserer eigenen Familie. Um sich dem emotionalen und komplexen Thema anzunähern, ließ sich die Klasse 8b auf ein Gedankenexperiment und eine anschließende Exkursion ins Landesarchiv in Ludwigsburg ein: Nach dem Vorbild der Märzakademie, in der Designstudent*innen Koffer gestalteten, setzten sich die Schüler*innen mit der Frage auseinander, welche persönlichen Gegenstände sie mitnehmen würden, wenn sie auswandern müssten und ihnen dafür nur ein einziger Koffer zur Verfügung stünde. Anschließend fuhren sie nach Ludwigsburg, wo sie mögliche Schicksale einzelner Familien mit der Archivarin Frau Dr. Elke Koch exemplarisch am Krisenjahr 1816 betrachteten.
Seitdem die Bundesrepublik durch den Arbeitskräftemangel der Nachkriegszeit zum Ziel vieler Einwander*innen und Flüchtlingsströme geworden ist, vergessen wir inzwischen schnell, dass es in der Vergangenheit genau umgekehrt war. 1816 breitete sich die Aschewolke des 1815 in Indonesien ausgebrochenen Tamboravulkans über den europäischen Himmel aus und verdunkelte die Welt, was das „Jahr ohne Sommer“ verursachte. Das führte in der vorindustriellen Gesellschaft nicht nur zu schlimmen Hungerkatastrophen, sondern auch zu Arbeitslosigkeit und Armut, der die Menschen entfliehen wollten. In diesem Jahr verließen ganze Dörfer die Deutschen Staaten, um ihre Chancen in Nordamerika und Russland zu verbessern. Unter diesen Auswanderern befanden sich auch Fellbacher, wie eine digitalisierte Akte aus dem Archiv zeigt.

Abb. 1: Führung durch das Archiv mit Frau Dr. Koch.
Frau Koch führte die Gruppe nach einer anregenden Diskussion über die Frage danach, was Heimat eigentlich ausmacht, wie wichtig kultureller Austausch ist und warum die Menschen 1816 emigriert sind durch die sog. „Magazine“, also die Lagerräume für die Originaldokumente aus der Vergangenheit. Sie sind der Öffentlichkeit aus Konservierungsgründen normalerweise unzugänglich, was den Ausflug so besonders gemacht hat.

Abb. 2 und 3: in den Magazinen des Archivs.
Das Highlight der Führung war die gemeinsame Arbeit mit dem Brief eines württembergischen Emigranten, der seinem Vater 1816 aus Nordamerika über seine Ankunft und sein dortiges Leben schrieb, sowie der Reisepass einer Ludwigsburger Familie aus demselben Jahr.

Abb. 3 und 4: Gespräch über Reisepass und Brief von 1816.
Dem Reisepass war nicht nur zu entnehmen, dass das Ehepaar acht Kinder hatte, sondern auch, wie die Familienmitglieder aussahen und welchen Weg sie genommen hatten. Der letzte Stempel im Pass stammt aus Antwerpen. Dass die Familie nie in ihrer Wahlheimat angekommen ist, läge, so die Archivarin, entweder daran, dass ihr das Geld während der Fahrt ausging, oder vielleicht sogar daran, dass sie einem Betrug zum Opfer fielen. Beides wären häufige Gründe für ein abruptes Reiseende gewesen. Wie es heute Reisebüros gibt, gab es damals „Ausreisebüros“, in denen Tickets für die gängigen Auswanderrouten erworben werden konnten. Immer wieder nutzten Gauner das Verfahren, um Schiffsreisen zu verkaufen, die es gar nicht gab.
Als Abschluss der Exkursion gab es noch eine kurze Einführung in die Arbeit eines Historikers/einer Historikerin und die Nutzung des Archivs. Dann ging es mittags zurück nach Fellbach.











